• scheinwerfer
THEATERPÄDAGOGIK
 
 
JUNGES WINTERSTEIN

Manchmal begegnen einem seltsame Dinge. Man läuft wie gewohnt irgendwo lang und schwups – so ein seltsames Ding schaut einen an.
Ich ging vor einer Woche die Bühnengalerie entlang und schaute kurz nach oben. Normalerweise ist da nicht viel zu sehen: schwarze Wände, schwarze Aushängung, finsteres Schwarz des Schnürbodens über einem – Theaterlandschaft mit dem Theaterhimmel eben. Ich wollte schon wieder nach vorne schauen, was auch auf so einer Bühnengalerie ziemlich vernünftig ist, will man sich nicht hautnah mit einem Scheinwerfer treffen, da hörte ich von oben ein Geräusch, das definitiv dort nicht hingehörte. „Tschirpst“, so hörte sich das an, und wenn ich nicht gerade im Dunkeln des Bühnenturms gewesen wäre, hätte ich gedacht, es tschirpt wie ein Vogel.
„Seltsam“, dachte ich und wollte weitergehen, den Kollegen der Tontechnik den komischen Laut zuschreibend. Da klang es wieder von oben pfeifend und eindringlich:
„Tschirpst!!!!!“.
„Man pfeift nicht im Theater“, schnauzte ich das Geräusch leicht unhöflich an, denn Ordnung muss sein.
„Tschi… wieso?“, fragte es neugierig.
So bin ich das erste mal Eddi begegnet – einem ziemlich schrägen Vogel. Er erzählte mir, wie er in seinem Nest im Schnürboden aus dem kleinen gepunkteten Ei geschlüpft ist. Und dass er seitdem nachts im Theater herumflattert. Eddi kennt unser Haus ziemlich gut, aber manchmal stellt er auch Fragen, ….
Zum Beispiel behauptet er, den Namen des Theatergründers zu tragen!
„Hä?“, habe ich gefragt.
„Ich habe den Namen des großen Mannes, dessen Bild im Foyer hängt, angenommen. Es steht da, das hat mit der Pförtner mal nachts auf seinem Rundgang vorgelesen: Eduard von Winterstein wirkte 1893 an diesem Theater. Und da der Mann so ernst aussieht, muss er bestimmt der Gründer sein. Eddi1Und ich heiße auch so.“
„Du meinst Eduard-von-Winterstein???“
„Nein du federfreies Viech, ich heiße Eddi. Ich dachte, Eduard passt nicht ganz zu meiner Körpergröße. Und bald habe ich einen runden Geburtstag.“, pfiff Eddi besserwisserisch.
Darauf ich: „Den 125.?“
„Mann, bist du seltsam; nein, den 1. natürlich!“, tschirpste er und flog bedeutungsschwer davon.
Nach einer Weile kam noch leise aus mir heraus: „Das war übrigens ein großer Schauspieler und nicht der Theatergründer…. Der Ed… uard.“
Tja, so verlief unsere erste Begegnung. Als ich ihn fragte, warum er gerade mich angetschirpst hat, sagte er, er wolle noch mehr über das Theater wissen. „Na, dann komm mit“, hab’ ich gesagt – und nun ist er da!


Eure Asia Schreiter